Das deutliche „NEIN!“ von OB Kiechle zu großen Schritten beim Klimaschutz hat uns, gelinde gesagt, doch sehr überrascht! Am Dienstag, 4.2. war der „Freundeskreis für ein lebenswertes Kempten“ mit weiteren „Mutmachern“ bei Thomas Kiechle zum Bürgergespräch eingeladen. (Siehe dazu die Artikel in AZ und Kreisbote.) Zunächst berichteten Kiechle und verschiedene Vertreter der Verwaltung über aktuelle Projekte der Stadt Kempten im Bereich Klima- und Umweltschutz, anschließend versuchten wir vom „Freundeskreis“ gemeinsam mit der Stadt auszuloten, was es für Möglichkeiten gibt, uns einzubringen, um mehr „Mut-Bürger“ zu gewinnen.

Unser „Scientist for Future“ Dr. Timo Körber begrüßte ausdrücklich die Bemühungen der Stadt, machte aber klar, dass es viel zu langsam vorangeht. Wie eklatant Kemptens Maßnahmen für Umwelt- und Klimaschutz und die (verbindlichen) Klimaziele von Paris auseinanderklaffen, wurde deutlich, als Körber die Fakten auf den Tisch legte:

Gemäß der Klimakonferenz von Paris müssen wir die Erderhitzung auf maximal 1,5 Grad begrenzen. Dabei muss klar sein: bereits bei einer Erwärmung um 1,5 Grad treten massive Folgen für Klima und Umwelt ein. Damit geraten zunehmend unsere Lebensgrundlagen in Gefahr. (Siehe auch unseren Beitrag zur FFF-Klimademo.) Die Stadt Kempten überschreitet aktuell das Budget, das ihr noch zusteht, um ein Vielfaches: Um die Klimaziele von Paris zu erreichen, müsste Kempten den CO2-Ausstoß um ca. 8% pro Jahr reduzieren. Aktuell liegen wir bei einer Minderung von nur 2,9%. „Wenn wir von einer Minderung wie bisher ausgehen, dann ist unser Budget in sieben Jahren aufgebraucht, und ab dem achten Jahr nehmen wir, was uns nicht zusteht.“ machte Timo Körber klar.

Einfache Maßnahmen wie die Umstellung auf Ökostrom sind bereits erfolgt, so dass wir nicht umhin kommen, nun die „großen Fische“ anzugehen: eine deutliche Einschränkung des Autoverkehrs in der Innenstadt, die Umverteilung des öffentlichen Raums zugunsten von ÖPNV, Rad- und Fußverkehr, Neubauten mit mindestens Passivhausstandard in Holzbauweise und eine regionale CO2-freie Strom- und Wärmeversorgung, um einige Beispiele zu nennen. (Erforderliche Schritte siehe KMH-Forderungen.)

Die Stadt hat sich zwar mit dem „Masterplan 100% Klimaschutz bis 2050“ zur CO2-Neutralität bis 2050 bekannt, doch das ist deutlich zu langsam! Außerdem genießen die im Masterplan vorgeschlagenen Maßnahmen eine viel zu niedrige Priorität – diejenigen Maßnahmen, die signifikant klimawirksam sind, scheitern an den „Sachzwängen“ der Stadtpolitik: in den Ausschüssen und Gremiensitzungen werden allzu oft dringend nötige Schritte aus wirtschaftlichen oder finanziellen Interessen – oder offensichtlich auch mangels Mut – ausgebremst.

Ein wichtiger – und notwendiger – Schritt der Stadt wäre es deshalb, Umwelt- und Klimaschutz deutlich zu priorisieren und mutig voranzugehen, erklärte der „Freundeskreis“. Wir wiederholten mehrfach, dass wir bereit sind, diesen Weg gemeinsam zu gehen. Kiechle konterte jedoch mit einem klaren „NEIN!“ Man müsse kleine Schritte machen und alle ins Boot holen. Außerdem gebe es auch viele andere wichtige Themen. Wir meinen: Von „Klimaschutz ernst nehmen“ kann man nicht sprechen, wenn es als ein Thema unter vielen auf der politischen Agenda steht. Der einzig „echte“ Sachzwang sind die Naturgesetze, denn die Natur lässt nicht mit sich verhandeln. Wenn wir unsere Lebensgrundlagen ruinieren, dann spielen die anderen derzeit „wichtigen“ Themen keine Rolle mehr. Deshalb müssen wir uns an den tatsächlich notwendigen CO2-Einspar-Zielen orientieren. Diese verlangen jedoch große Schritte statt politisches „Klein-Klein“.

Der Orkan „Sabine“ fegt um unser Haus, während ich diesen Text schreibe. Letzte Woche drohte akute Hochwassergefahr, dieser Winter wird wohl der mildeste bisher im Allgäu: längst ist der Klimawandel auch im Allgäu angekommen. Wir leben – auf Kosten unserer Kinder, Enkel und anderer Menschen auf dieser Erde – weit über unsere Verhältnisse und verbrauchen dabei Ressourcen, die uns nicht zustehen. Immer dringender wird mir bewusst, dass WIR wirklich JETZT in die Pötte kommen müssen. Dass dem „Piloten“ unserer „Pilotkommune“ zu den großen Schritten der Mut fehlt, ist eine bittere Pille.

(Gesine Weiß)