Auf der Ludwigshöhe

Sowohl auf städtischem als auch auf privatem Grund wurden in den letzten Wochen in Kempten zahlreiche Bäume gefällt. So ist bei vielen Bürgern der Eindruck entstanden, es werde regelrecht „Kahlschlag“ betrieben. „Was ist denn da los?“, fragt sich der baumfreundliche Bürger bestürzt.

Spätestens mit dem Volksbegehren Artenschutz wurden viele Menschen wachgerüttelt. Wir haben begriffen, wie wichtig unsere Stadtnatur ist: Zum einen als Lebensraum für Tiere aller Art (von Fledermäusen über Vögel bis hin zu Wildbienen und anderen nützlichen Insekten). Zum anderen als CO2-Speicher und Spender von lebensnotwendigem Sauerstoff, als Feinstaubfilter und Wasserspeicher. Bäume und Hecken spenden Schatten in heißen Sommern, dämpfen Straßenlärm und schützen vor Wind – und nicht zuletzt dienen sie als Wohlfühloase für uns Menschen: für’s Auge, für die Gesundheit, die Seele.

Im Gegensatz zu dieser Erkenntnis stehen nun die massiven Fällungen. Erklärungen dafür gibt es durchaus: Im Landschaftsschutzgebiet Riederau soll gemäß dem Beschluss des Stadtrates ein Gewerbegebiet entstehen. Auf der Ludwigshöhe soll ein Kindergarten gebaut werden. Für die Linde am „Löwen“, die Burghalde und die Engelhalde ist laut Stadtverwaltung die „Verkehrssicherheit“ der Grund: die Bäume seien krank gewesen und mussten deshalb weg. So weit, so verständlich. Allerdings hat sich im Zuge der Fällungen auf der Burghalde ein Fachmann des Bund Naturschutz eingeschaltet und kritisiert: einige der Bäume hätten keineswegs gefällt werden müssen. Da fragt sich der baumfreundliche Bürger: Wem soll man nun Glauben schenken?

Wenn es in unserer Stadt ein erkennbares ökologisches Gesamtkonzept gäbe, das Artenschutz groß schreibt, dann hätten wir diesbezüglich wohl mehr Vertrauen in die Entscheidungen der Stadt. Aber eine baumfreundliche Politik ist in Kempten nicht zu erkennen. Stehen Bäume auf Baugrund, sind sie dem Wohlwollen des Bauherrn ausgeliefert – es gibt weder eine verbindliche Beratung durch das Umweltamt noch eine allgemeine Pflicht, nachzupflanzen. Andere Städte regeln das durch eine Baumschutzverordnung. In Kempten gibt es so etwas nicht! Das Amt für Tiefbau und Verkehr hat indes die klare Vorgabe, die Verkehrssicherheit zu garantieren. Wenn etwas passiert, muss dieses Amt dafür geradestehen. Insofern kann man nachvollziehen, dass die Stadt im Zweifel lieber auf Nummer sicher geht. Ich selbst kann mir kein fachliches Urteil erlauben, finde es aber befremdlich, wenn ein Baumpfleger des Bund Naturschutz zu ganz anderen Ergebnissen kommt als die Fachleute vom Stadtgrün. Das lässt zumindest auf einen gewissen Ermessensspielraum schließen – man würde deshalb erwarten, dass stets ein zweites, externes Gutachten erstellt wird, BEVOR Bäume gefällt werden.

Das massive Artensterben und die Klimakrise zwingen uns zum Umdenken. Wir können es uns nicht mehr leisten, lieber einen Baum zu viel zu fällen als einen zu wenig. Es ist auch nicht mehr zeitgemäß, sich als Oberbürgermeister auf baumkritische Bürger zu berufen, die sich über Laub beschweren oder Parkplätze einfordern. Das Stadtoberhaupt hat vielmehr die Aufgabe, mit einer offensiven Aufklärung für mehr Akzeptanz zu werben. Viele Bürger wissen: Eine Stadt ohne Bäume ist eine tote Stadt, eine traurige, seelenlose Stein- und Asphaltwüste. Alle anderen müssen wir informieren und vom unermesslichen Wert unserer Stadtnatur überzeugen.

Hier sind erstens die Bürger gefragt, die mitziehen. Und zweitens unser Oberbürgermeister höchstselbst. Ich wünsche mir ein klares „Ja“ zur Stadtnatur. Nur Mut, Herr Kiechle: schützen Sie unseren großen Schatz!

Diese und weitere Broschüren zum Herunterladen gibt’s bei der Stiftung „Die Grüne Stadt“

(Gesine Weiß)