Gestern ging ich auf die Suche nach dem „Friedensbaum“, der für die Neugestaltung des Zumsteinwiesen-Areals gefällt werden soll. Laut dem zuständigen Landschaftsarchitekten Grieger aus Berlin „mickert“ die Linde „vor sich hin“. Einen mickrigen Baum konnte ich nicht entdecken – vielmehr einen hübschen Jungbaum, über und über voll mit herrlich duftenden Blüten, an denen sich neben zarten Schwebfliegen Hunderte von Hummeln, Wild- und Honigbienen mit vollgepackten, leuchtend orangenen Pollenhöschen laben.

Hier wird ein vollkommen gesunder Baum schlechtgeredet und abgewertet, um den Eindruck zu erwecken, es sei doch nicht so schlimm, ihn zu fällen. Hauptgrund ist wohl eher der, dass die Linde „der Festwoche im Weg umgeht“ (laut Architekt Grieger). Haben denn weder der Stadtrat noch der Landschaftsarchitekt etwas aus der Kritik am umgestalteten Stadtpark gelernt? Aus dem Volksbegehren „Rettet die Bienen“, den heißen Dürresommern? Nein, es geht nicht darum, dass es einfach nur mehr grüne als graue Flächen geben soll; wichtig wären – neben zum Teil ja immerhin vorgesehenen Blühwiesen: (Vogelschutz-)Sträucher, der Schutz bestehender Bäume, die Verwendung heimischer Arten.

Mich ärgert diese Arroganz gegenüber der Natur, die Logik: Ein Baum – und wenn ich das den Plänen richtig entnehme, auch große Teile des „Wäldchens“ am Waschhaus – hat sich den Vorstellungen des Berliner Architekten von einer modernen Stadt-Architektur unterzuordnen. An die Stelle von schönen großen Bäumen mit dichtem Unterwuchs, einem idealen Unterschlupf für Singvögel und weitere Kleintiere, tritt ein schnödes begrüntes Dach. Hier verkommen Bäume zu reinen Deko-Accessoires, die man „entfernt“ und „an anderer Stelle ersetzt“. Folgerichtig soll statt der bei uns heimischen, ökologisch wertvollen, traditionsreichen Linde ein „Schneeglöckchenbaum“, ein aus den USA stammendes Gewächs, gepflanzt werden.

Dass das Berliner Planungsbüro von Artenschutz und unserer Allgäuer Pflanzenwelt ganz offensichtlich keine Ahnung hat, zeigt sich auch in der Auswahl weiterer Bäume und Sträucher, welche auf dem Areal gepflanzt werden sollen: Japanische Blühkirsche (die übrigens nur wenige Tage blüht), Zaubernuss (asiatischer Herkunft), Paulownie (Herkunft: China). Neben ästhetischen Gesichtspunkten (passen asiatische Bäume ins Allgäu und zu dem Altbestand des Stadtparks?) ist es fraglich, ob die Pflanzen überhaupt unserem rauen Klima gewachsen sind – die Paulownie blüht z.B. nur im milden Weinbauklima zuverlässig, in Regionen mit strengeren Wintern erfrieren die Blütenknospen oft. Almrosen wiederum brauchen eine geschlossene Schneedecke, da sie sonst im Winter erfrieren. Im letzten Winter lag in Kempten kein Schnee, die Winter werden immer wärmer. Wurde das bedacht? Manche Almrosenarten brauchen zudem sauren Boden. Für diesen werden aber Moore zerstört. Sinnvoll erscheint es somit nicht, diese Pflanzen im Stadtpark anzusiedeln.

Ich verstehe nicht, dass bei der Auswahl der Pflanzen kein Experte hinzugezogen wird. Das Klimaschutzmanagement, der BUND Naturschutz: solche Sachverständigen müssten doch heutzutage in die Planung des Stadtgrüns eingebunden werden und über die Pflanzenauswahl und die Fällung von Bäumen mitentscheiden, zumal in einer „Pilotkommune für Klimaschutz“!

Wer sich an der Bürgerbefragung zur Neugestaltung der Zumsteinwiese beteiligen will: bis Freitag, 26.6.2020 können Bürger*innen ihre Meinung kundtun, und zwar per Mail an das tiefbauamt@kempten.de oder per Formulareingabe auf der Homepage der Stadt. Auch die AZ hat eine Leserumfrage gestartet: Zuschriften an: umfrage@azv.de

Das „Wäldchen“, vom Zumsteinhaus aus gesehen

(Gesine Weiß)