Enkeltauglich bauen?

Noch nie was vom Saurer-Allma-Gelände gehört? Macht nichts, ich musste auch erstmal recherchieren: Die bisher gewerblich genutzte Fläche liegt hinter dem Engelhaldepark und war am vergangenen Dienstag Thema im Klimaschutzbeirat. Die Sozialbau hat das Gelände gekauft und plant, dort zu bauen (AZ und Kreisbote berichteten).

Antje Schlüter, die Leiterin des Stadtplanungsamtes, gab in der Sitzung einen wunderbaren Einblick, wie moderner, umweltfreundlicher Geschosswohnungsbau heutzutage aussehen kann:

  1. Top-Standards in Sachen Energieeffizienz mit entsprechenden Baumaterialien, optimalerweise in Holzbauweise, Solarnutzung.
  2. Eine identitätsstiftende Quartiersmitte mit hoher Aufenthaltsqualität, mit Sharing-Angeboten, Fahrradparken, einer guten Radwegeanbindung und möglicherweise einem Quartiers-Parkhaus als Lärmschutz.
  3. Pfleglicher Umgang mit natürlichen Ressourcen und eine geringe Flächenversiegelung.
  4. Qualitativ hochwertige Freiräume für alle Altersgruppen, für ein sicheres und soziales Miteinander.
  5. Klimaanpassungsstrategien: Nutzung von Regenwasser, Schaffung eines guten Stadtklimas durch Fassaden- und Dachbegrünung…

… dies waren einige Vorschläge für die Bebauung des Gebietes. Mir wurde ganz warm um’s ökologische Herz!

Der Chef der Sozialbau, Herbert Singer, bereitete diesen andernorts schon realisierten Zukunftsvisionen ein jähes Ende: das seien ja schöne Träumereien, aber man müsse „Maß und Mitte“ halten. Denn: bezahlbar muss es sein. Er plane deshalb, wie bisher nach EnEV-Mindeststandards zu bauen und zunächst den alten Stellplatzschlüssel als Grundlage zu nehmen. Hans-Jörg Barth, eza!-Klimaschutzberater, hielt dagegen: das eine schließe das andere nicht aus, und außerdem können wir uns ein „weiter so“ angesichts der Kemptener Klimaziele schlichtweg nicht leisten. Beide Positionen scheinen in der Kemptener Praxis bislang offensichtlich unvereinbar. Ich beschloss, nachzuforschen: Ökologisch und gleichzeitig bezahlbar bauen – ist das denn machbar?

Ich fragte bei befreundeten Fachleuten nach – und lernte viel dazu! Was mir bisher nicht bewusst war: dem Bau geht ein städteplanerischer Wettbewerb voraus. Da geht es schon los: Bereits bei der Ausrichtung dieses Wettbewerbs können (und sollten) Nachhaltigkeitsanforderungen als Bewertungskriterium eingebracht werden. Hierfür gibt es erprobte Handlungsempfehlungen des Bundesministeriums für Verkehr, Bau- und Stadtentwicklung. Ein Blick in die Fachpresse zeigt: die renommierte Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) zertifiziert mithilfe eines eigenen Bewertungskatalogs bereits ganze Stadtquartiere nach Nachhaltigkeitskriterien. Das ist nicht kostenfrei, aber sinnvoll. Denn so kann man schon im Vorfeld der Planungen die Energieeffizienz sowie ökologische und gesellschaftliche Auswirkungen auf Quartiersebene abschätzen.

Und was ist mit den Gebäuden selbst? Interessant sind für den Geschosswohnungsbau vor allem Hybridlösungen, die nicht ausschließlich aus Holz bestehen. Das erleichtert es, restriktive Brandschutzauflagen und Bauen mit regenerativen Baumaterialien zu vereinbaren. Im oberbayerischen Burghausen realisierte man sogar sozialen Wohnungsbau mit Holz. Und in Bad Aibling (bei Rosenheim) entstand eine ganze Siedlung in Holzbauweise, die „city of wood“. Generell gilt, dass durch gute Planung, einfache, klare Gebäudeformen und die serielle Vorfertigung von Bauteilen die Kosten deutlich gesenkt werden können.

Hinzu kommt: Was auf den ersten Blick billiger erscheint (also die herkömmliche Bauweise), ist langfristig gesehen oft die teurere Variante. Denn ein Effizienzhaus spart ja im Betrieb Energie ein. Ehrlich wäre es deshalb, die gesamten Energiekosten mit zu bilanzieren. Je nach Gebäudetyp amortisiert sich ein höherer Herstellungspreis sogar bereits nach 15 Jahren. Ein weiterer Punkt, der ausgeblendet wird: auch die sogenannte „graue Energie“, die durch die Verwendung klimaschädlicher Baustoffe entsteht, wird bei den Standard-Berechnungen nicht eingepreist. Die Krux an der Sache ist: Die Wohnungsbaugesellschaften haben gar kein gesteigertes Interesse daran, den Energieverbrauch ihrer Gebäude zu senken oder nachwachsende Rohstoffe einzusetzen, da sie selbst von den Einsparungen nicht zwangsläufig profitieren.

Worin sich alle einig sind: Das wichtigste ist, sich schon in einer ganz frühen Planungsphase für nachhaltiges Bauen zu entscheiden, um ökologische, ökonomische und sozial verträgliche Entscheidungen sinnvoll in Einklang zu bringen. Was die Entscheidung deutlich erleichtern dürfte: es gibt verschiedene Förderprojekte für ökologisches Bauen, wie KfW-Zuschuss- und Kreditprogramme – oder, brandaktuell, das bayerische Programm KLIMAgerechter STÄDTEBAU, das bei diesem Bauvorhaben perfekt passen würde. Allerdings gibt es hier eine straffe Bewerbungsfrist bis zum 31.8.2020.

Überhaupt, was ist eigentlich mit dem 5. „Strategischen Ziel“ Kemptens, im Bereich Klima, Umwelt, Mobilität nachhaltig zu planen und zu handeln? Was ist mit der Zielsetzung des Masterplans, eine drastische Absenkung des Energieverbrauches bzw. klimaschädigender Treibhausgas- Emissionen um bis zu 95% zu erreichen? Nachdem kürzlich erst beim Baugebiet Halde Nord ökologisch gesehen der große Wurf ausgeblieben ist, sollte die Stadt diesmal mehr Ehrgeiz zeigen, ihrem Titel „Pilotkommune für Klimaschutz“ gerecht zu werden. Dass die Sozialbau durchaus dazu fähig wäre, beweist sie mit einem aktuellen Bauvorhaben, einem 7-geschössigen Holzhaus am Schwabelsberger Weiher. „Mehr Mut!“ muss auch für unseren Städtebau gelten, denn er gestaltet maßgeblich die Gesellschaft der Zukunft. Selbst der Bund Deutscher Architekten hat kürzlich ein entsprechendes Positionspapier herausgegeben: „Kein weiter so bei Bau und Stadtentwicklung!“

Man darf gespannt sein, wie sich die neue Allianz aus Grünen, Freien Wählern, SPD und FDP in Sachen Saurer Allma positioniert. Ein „weiter so“ sollte es ja nicht geben. Dass die Grünen bereit sind, neue Wege zu gehen, ist gesetzt. Können sie ihre Partner überzeugen, JETZT die Weichen für eine „enkeltaugliche“ Saurer Allma zu stellen? Im letzten Ausschuss für Mobilität und Verkehr war ein frischer Wind deutlich spürbar. Das lässt hoffen, dass die neu gewählten Stadträte auch beim Bauen den Mut haben, alte Denkmuster aufzubrechen. Wenn die neue Allianz Wort hält, kann dieses Projekt ein klares Signal für den Aufbruch werden, ein Aushängeschild mit Leuchtkraft – für eine nachhaltige, klima- und generationengerechte Zukunft.

(Gesine Weiß)