Was wird aus der Friedenslinde und dem „Wäldchen“ auf der Zumsteinwiese? Sind die geplanten Fällungen wirklich unabdingbar oder haben sie eher einen ästhetischen oder praktischen Hintergrund? Sind Ersatzpflanzungen geplant, und wenn ja, wo? Und wer entscheidet darüber, was neu gepflanzt wird? Fragen über Fragen, die sicherlich noch weitere Bürger*innen Kemptens bewegen… Um Antworten darauf zu erhalten, traf der Freundeskreis für ein lebenswertes Kempten am vergangenen Mittwoch das Tiefbauamt vor Ort. Vereinbart war ein Treffen mit Amtsleiter Markus Wiedemann sowie Frau Großmann vom Grün- und Freiflächenmanagement, doch sogar Referatsleiter Tim Koemstedt beehrte unsere kleine Runde. Chefsache demnach, das freute uns durchaus.

Um es gleich zu sagen: an der Tatsache, dass die Bäume weg müssen, ist wohl leider nicht zu rütteln. Die unter dem Gelände liegende Tiefgarage ist marode und muss saniert werden. Um die Decke der Tiefgarage neu abzudichten, muss sie freigelegt werden. Und – Frau Großmann hat für uns den Verlauf des Tiefgaragendachs genau im Plan eingezeichnet – die großen Bäume (das „Wäldchen“) stehen, auch wenn man’s kaum glauben kann, mitten darauf.

Bei der Friedenslinde verhält es sich so: Sie wurde zwar nicht auf’s Dach, sondern knapp daneben gepflanzt, ihre Wurzeln ragen aber höchstwahrscheinlich bis an die Außenwand des unterirdischen Gebäudes heran. Genau kann man das freilich nicht sagen, aber wenn man davon ausgeht, dass der Kronendurchmesser in etwa dem Durchmesser des Wurzelwerks entspricht, darf man davon ausgehen. Um die Seitenwand der Tiefgarage abzudichten, muss zudem ein Schacht von etwa 1,50 bis 2 m ausgebaggert werden. Die Idee, stattdessen die Wand der Tiefgarage zu versetzen, stößt beim Amt auf wenig Resonanz. Überraschend ist allerdings, dass Herr Koemstedt gar nicht argumentiert, dass das baulich nicht möglich sei, sondern darauf verweist, dass die Sparkasse ein verbrieftes Recht auf soundsoviele Stellplätze habe.

Wie dem auch sei, so leicht geben wir uns nicht geschlagen und möchten wissen, ob die Linde ausgegraben und versetzt werden könne. Grundsätzlich sei es schon möglich, größere Bäume mitsamt Wurzel auszugraben, bekundet Frau Großmann, allerdings liege die Überlebenschance für einen Baum dieser Größe bei etwa 50% und der Eingriff sei teuer, das sei also schon auch eine Frage der Wirtschaftlichkeit. Keine Chance für Inge Nimz‘ Linde? Es ist vertrackt, und es blutet einem das Herz, aber so leicht sind die Argumente nicht von der Hand zu weisen. Wir drängen zumindest darauf, die Möglichkeiten noch einmal genau zu prüfen und bitten das Tiefbauamt darum, sich angesichts der historischen Bedeutung auch noch einmal Gedanken darüber zu machen, an welcher Stelle man einen adäquaten Ersatzbaum (ein Schneeglöckchenbaum erscheint und nicht als adäquat) pflanzen könnte. Klar ist indes, dass auf dem Tiefgaragendach wegen der geringen Erdschicht kein großes Gehölz gepflanzt werden kann, eher Stauden und Sträucher.

Im Laufe des Gesprächs kommt zufällig der zuständige Architekt Grieger des Wegs und gesellt sich zu uns. Immerhin stellt er zu der Gelegenheit klar, dass er mit dem „mickrigen“ Baum nicht die Friedenslinde, sondern die (tatsächlich nicht gerade prächtige) Ölweide daneben meinte. Zu seiner Verteidigung muss ich übrigens an dieser Stelle anmerken, dass die Fokussierung darauf, den Stadtpark für die Festwoche zu optimieren, nicht auf seinem Mist gewachsen ist. Die Vorgaben für die Wettbewerbsausschreibung wurden vielmehr im Stadtrat ausdiskutiert. Welche Mehrheitsverhältnisse noch bis vor kurzem in unserem Stadtrat herrschten, ist ja bekannt. (Eine Randbemerkung zur Vergabe sei an dieser Stelle erlaubt, denn mit dem Bauvorhaben auf dem Saurer-Allma-Gelände steht uns der nächste städtebauliche Wettbewerb ins Haus: Wenn die Themen Klima- und Umweltschutz beim Städtebau mehr Relevanz erhalten sollen, müssen bereits bei der Auslobung klare Nachhaltigkeitskriterien formuliert werden!)

Auf die Frage, warum denn ein Berliner Architekt engagiert wurde und nicht jemand aus unserer Region, antwortet Frau Großmann mit einem Lachen: sie sei froh darüber, dass es ein Berliner sei und kein Schwede oder Brite. Denn die Regeln bei der Vergabe von Projekten in dieser Dimension sind für die Öffentliche Hand klar geregelt: sie müssen EU-weit ausgeschrieben werden. An wen das Projekt vergeben wird, wird in einem anonymen Verfahren entschieden. Regionalität ist dabei kein Auswahlkriterium. So soll sichergestellt werden, dass wirklich der beste Entwurf gewinnt. Wieder was gelernt.

In welchem Umfang und an welcher Stelle Ersatzpflanzungen stattfinden, möchten wir noch wissen. Herr Koemstedt entgegnet: in so einem Fall müssen gar keine Ausgleichspflanzungen gemacht werden. Das überrascht uns – gelinde gesagt. Im Nachgang denke ich mir: Auch wenn es keine rechtliche Vorgabe gibt, könnte die Stadt guten Willen zeigen und zumindest eine freiwillige Ersatzpflanzung vornehmen. Schließlich hat sie eine Vorbildfunktion.

Noch eine letzte Frage an Frau Großmann: Wer ist denn für die Auswahl der Pflanzen zuständig? Antwort: Dies wird von ihr selbst in enger Abstimmung mit dem Architekten entschieden. Einige wenige „Stellplätze“ für Bäume (vier, wenn ich mich richtig erinnere) sind möglich und werden auch genutzt. Abgesehen davon sind Stauden und Sträucher geplant. Immerhin: es ist noch nicht gesetzt, dass japanische und chinesiche Sträucher in den Stadtpark einziehen. Wir bitten darum, im Sinne von Insekten & Co. heimische Arten ins Auge zu fassen. Frau Großmann verweist zunächst auf das Projekt Stadtgrün 2021 und darauf, dass viele einheimische Arten die zunehmende Hitze und Trockenheit in der Stadt nicht mehr vertragen und krank werden – deshalb teste man immer wieder Gehölze, insbesondere aus dem östlichen Mittelmeerraum. Das Projekt ist mir bekannt, doch weder Schneeglöckchenbaum noch Japanische Zierkirsche gehören zu den Versuchsbäumen. Großmann gesteht ein, dass das stimmt. Letztendlich wünsche man sich einen stark gärtnerischen Charakter. Deshalb wurde auf einen schönen Blühaspekt oder eine besondere Herbstfärbung geachtet.

Ich persönlich finde es schade, dass heimische Sträucher immer ein Stück weit als „nichts Besonderes“ wahrgenommen werden. Dabei müssen sich Kornelkirsche, Liguster und Felsenbirne meiner Meinung nach keineswegs verstecken. Ob unser Anliegen, heimische Pflanzen zu verwenden, erhört wird und doch noch in die Planungen einfließt? Wir werden sehen…

Abschließend lässt sich sagen, dass wir ein angenehmes, informatives Gespräch hatten. Diese Art von direkter Kommunikation wäre wohl öfter vonnöten. Für Bürger*innen, um die Abläufe in der Stadtverwaltung besser nachvollziehen zu können, für die Verwaltung, um zu verstehen, wie ihre Kommunikation „hier draußen“ ankommt. Zu einem besseren gegenseitigen Verständnis hat das Gespräch definitiv beigetragen.

(Gesine Weiß)