Bis vor kurzem hatte ich keine Ahnung, dass es in Kempten einen Gestaltungsbeirat gibt. Geschweige denn, was der so macht. Für alle, denen es genauso geht, hier eine Ultra-Kurzzusammenfassung: Der Gestaltungsbeirat ist ein Gremium aus externen Fachleuten, Stadträt*innen sowie der Verwaltung. „Er soll die Bewusstseinsbildung für anspruchsvollen Städtebau und Architektur […] stärken und die Voraussetzungen für eine lebenswerte, werthaltige Umwelt schaffen“, lautet es auf der Homepage der Stadt Kempten. Mit anderen Worten: namhafte Architekten von außerhalb beurteilen in regelmäßigen Abständen größere Bauvorhaben unserer Stadt und diskutieren ihre Empfehlungen mit den obengenannten restlichen Gremiums-Mitgliedern. Klingt zunächst so mittelmäßig spannend für Laien, aber die Neugier trieb mich hin, weil die Bebauung des Saurer-Allma-Geländes auf der Tagesordnung stand. Zuvor war das Bauvorhaben im Klimaausschuss vorgestellt und sehr kontrovers diskutiert worden (siehe Blogbeitrag Saurer-Allma: Fünf Hektar Zukunftschancen). Wir hatten daraufhin in einem offenen Brief an OB Kiechle und sämtliche Stadträte appelliert, auf nachhaltiges, energieeffizientes Bauen zu setzen:

Nun wollten wir natürlich wissen, was der Gestaltungsbeirat zu dem Bauvorhaben sagt. Gleich vorab: langweilig war das keineswegs!

Die Vorsitzende Bü Prechter wies gleich zu Beginn auf einen Punkt hin, den ich zuvor gar nicht in Frage gestellt hatte: den Namen des Wettbewerbs „Entwicklung des Saurer-Allma-Geländes“ fänden sie nicht so schön. Ob man es nicht lieber „Leonhard-Quartier“ nennen möchte? (Einmal drüber nachgedacht, wäre mein persönlicher Vorschlag: Engelhalde-Quartier – Wohnen am Park 🙂

Herbert Singer, Geschäftsführer der Sozialbau, und die mit der Auslobung des Wettbewerbs beauftragte BGSM aus München zeigten sich grundsätzlich nicht abgeneigt, den Titel des Bauvorhabens zu ändern und stellten es daraufhin erst einmal vor. (Die Details sind hier im Ratsinformationsportal zu finden.) Singer drängt auf einen straffen Zeitplan: Wegen der Größe des Areals soll der Wettbewerb in zwei Phasen stattfinden, zunächst sollen ca. 25 Teilnehmer bis Weihnachten ein grobes Konzept vorlegen, daraus werden dann 8-10 Entwürfe für eine vertiefte Planung ausgewählt. Um Ostern 2021 herum soll von diesen bereits der Gewinner ausgewählt werden.

Und was hatte nun der Gestaltungsbeirat zur Wettbewerbsauslobung zu sagen? Gefallen hat mir ganz besonders der Einwurf von Hans-Peter Hebensberger-Hüther, das Wettbewerbsprogramm sei antiquiert und er erwarte mehr von einer Klimaschutzkommune. Thomas Glogger schwärmte von den riesigen Möglichkeiten, die aus der Größe des Areals erwachsen. Herr Singer als Investor habe selbstverständlich ein gerechtfertigtes wirtschaftliches Interesse – aber gleichzeitig müsse auch ein Mehrwert für die Stadtgesellschaft entstehen: „Die Allgemeinheit muss davon profitieren“. Ich muss zugeben, so viel Umwelt- und soziales Bewusstsein hätte ich mir von den Architekten überhaupt nicht erhofft. Folgende konkrete Vorschläge machten die Fachleute:

1. Die Sozialbau solle den Wettbewerb doch gemeinsam mit der Stadt ausloben. (Kommentar von Herrn Singer/BGSM hierzu: Die Sozialbau sei ein privater Bauherr, das sei also problematisch. Dazu möchten wir anmerken: Die Stadt hält — laut Beteiligungsbericht 2018 — über die KKU 53% der Anteile an der Sozialbau, hinzu kommen weitere 34% Anteile über den „Umweg“ AÜW – auch hier ist die Stadt Mehrheitsgesellschafterin (über die KVB) und kann nach eigener Aussage über den Verwaltungsrat und die Gesellschafterversammlung Einfluss auf die Geschäftspolitik nehmen. Grob vereinfacht ist die Sozialbau also zu über 87% im Besitz der Stadt.)

2. Für ein vielfältigeres Ergebnis (mit Zukunftsvisionen) möge die erste Phase des Wettbewerbs doch für mehr junge Büros geöffnet werden.

3. Das Thema solle offener gehalten werden und nicht ausschließlich auf Wohnen plus Nahversorgung festgelegt werden.

4. Für den Umgang mit dem aktuellen, großen Gebäudebestand möge mehr Freiraum für Kreativität gelassen werden; die Wettbewerbsteilnehmer sollten selbst entscheiden, ob sie neue Nutzungsmöglichkeiten für die alten Gebäude ersinnen.

Zum Abschluss schwärmte die Vorsitzende Bü Prechter geradezu von der tollen Lage des Geländes am Engelhaldepark und bat darum, das Gesamtkonzept „im großen Rahmen“ noch einmal zu überdenken. Die Leonhardstraße sei aktuell in einem erbärmlichen Zustand; man möge die Gunst der Lage nutzen und eine gute Identität für das neue Quartier schaffen.

Man darf gespannt sein, inwiefern sich die Sozialbau und die Stadt Kempten diese Vorschläge zu Herzen nehmen!

(Gesine Weiß)