Wunderwerk Baum

Nein, wir spielen nicht Tauziehen, sondern ermitteln das Alter der APC-Esche

Gefahr in Verzug!“ – mit dieser apokalyptisch klingenden Wendung wird so manche Baumfällung begründet, ganz im Sinne der Verkehrssicherheit. Als Baumfreund fragt man sich oft: Was ist da dran? Um sich über das „Wunderwerk Baum“ auszutauschen, traf sich letzten Freitag eine Gruppe von Baumfreunden unter der alten Esche am Hang hinter dem APC-Kiosk. Wir lernten, dass eines der größten und ältesten Lebewesen der Welt nicht etwa ein Blauwal ist, sondern Pando. Dieser Wald in Utah (USA) besteht aus 47.000 genetisch identischen Zitterpappeln, die auf einer Fläche von 43 Hektar unterirdisch miteinander verbunden sind. Sein Alter wird auf 80.000 Jahre geschätzt. Konkurrenz kommt aus der Welt der Pilze: ein etwa 2.400 Jahre alter Hallimasch in Oregon (USA) mit einer Flächenausbreitung von 900 Hektar und einem Gewicht von vermutlich 600 Tonnen…

Hallimasche und andere Pilze können an Bäumen großen Schaden anrichten. Aber heißt das automatisch: Kettensäge marsch!? Keinesfalls! Bäume leben mit Pilzen in Symbiose und der Befall mit einem Pilz stellt nicht zwingend eine Gefahr dar. Der Baum hat durchaus Methoden, lästigen Pilzbefall zu bekämpfen: Er „vergiftet“ einen Teil seiner eigenen Zellen und bildet so eine Schutzschicht. Und nicht nur das: Hat der Baum ein Loch, passen sich die Jahresringe beim Wachstum an, um den Baum an dieser Stelle zu stärken und damit statische Defizite auszugleichen. Hinzu kommt, dass ein Baum im Prinzip nur auf den äußeren Jahresringen steht. Der Rest im Inneren des Stammes ist lediglich „Füllmaterial“ und statisch gesehen eher unwichtig. Das heißt freilich nicht, dass ein Pilz keinen Schaden anrichten kann. Wenn man sich nicht sicher ist, ob und in welchem Umfang im Stamm Holz durch den Pilz abgebaut wird, kann man mit einem Schalltomographen (ähnlich einer Ultraschalluntersuchung) ziemlich genau den Zustand im Stamm feststellen und so einschätzen, ob die Statik gefährdet ist.

Faszinierend ist auch die Funktion der Jahresringe. Im Frühjahr bildet ein mitteleuropäischer Baum unterhalb der Rinde neues Holz aus. Man erkennt dieses Splintholz bei der Esche als dunkleren Ring, unter der Lupe sieht man deutlich seine grobporige Struktur. Durch diese „Leitbahnen“ (Kapillaren) wird Wasser aus den Wurzeln nach oben transportiert. Wie der Wassertransport funktioniert, ist ein kleines Wunder, mehr dazu hier oder hier. Im Verlauf des Sommers wird dann helleres, festeres Holz gebildet, das der Standfestigkeit dient. Die Dichte der Jahresringe und die Beschaffenheit der Poren ist bei jeder Baumart unterschiedlich. Im Herbst verliert der Baum seine Blätter und geht in die Ruhephase. Die herabfallenden Blätter werden zu Humus, dessen Nährstoffe über die Wurzeln wieder aufgenommen werden.

Und wie bestimmt man das Alter eines Baumes? Das Wachstum hängt maßgeblich von der Baumart und den Standortbedingungen ab, außerdem wachsen Bäume im Alter langsamer. Deshalb kann nur ein grober Näherungswert ermittelt werden. Hierzu misst man den Stammumfang auf ca. 1,5 Metern Höhe und teilt den Wert durch 3 (genaugenommen durch die Kreiszahl Pi, also 3,14). So erhält man den Durchmesser. Pro Jahr wächst der Stamm um etwa 0,7 bis 1 cm. Die Esche am APC hat beispielsweise einen Stammumfang von 425 cm. Wir teilen diesen Wert durch 3 = 140 → der Baum ist ca. 120-140 Jahre alt. Über dieses Formular kann man das Alter von Bäumen genauer bestimmen.

Die größte Gefahr für Bäume geht übrigens nicht von Pilzen, sondern vom Menschen aus: bei Baumaßnahmen verursachen unsachgemäße Arbeiten im Wurzelbereich oft gravierende Schäden, und zwar in zweierlei Hinsicht: werden die Feinwurzeln abgerissen, ist die Wasserversorgung des Baumes nicht mehr gewährleistet. Werden größere Wurzeln beschädigt, können Pilze in den Baum eindringen. Beides kann zum langsamen Erkranken und Absterben des Baums führen. In der Regel entspricht der Wurzelbereich eines Baumes dem Umfang seiner Krone. Wenn also Bagger innerhalb des Kronenbereichs arbeiten, ist „Gefahr in Verzug“ – in dem Fall für den Baum. Da heißt es für den Baumfreund: Augen auf, Foto machen und einfach mal beim Umweltamt nachfragen!

(Gesine Weiß)