Eine für alle: Salzstraße fairteilen

Engstelle an der Ecke Poststraße: für Fußgänger eine Zumutung

Wir möchten frischen Wind in eine der unattraktivsten Straßen der Innenstadt bringen: Wir – der Freundeskreis Lebenswertes Kempten (FLKE), der ADFC, die Mobilitätsgruppe Agenda 21, der BUND Naturschutz und weitere Bürgerinnen und Bürger – fordern mehr Platz für Fußgänger und Radfahrer in der Salzstraße! Gemeinsam mit der Stadtverwaltung, Politikern und Kemptener Bürgern wollen wir in diesem Jahr nach Lösungen suchen, wie die verkehrsüberlastete Straße aufgewertet werden kann.

Täglich rollt eine Blechlawine auf dieser Nord-Süd-Verbindung quer durch Kempten. Die stark befahrene Salzstraße zerschneidet die historische Innenstadt – Raum für Fußgänger oder Fahrradfahrer bietet sie kaum. Besonders eng geht es zwischen Eberhardstraße und Wartenseestraße zu. Ein Bürgersteig ist zwar vorhanden, doch dieser ist zum Teil extrem schmal und nicht nur für Menschen mit Rollator oder Kinderwagen eine Zumutung. Kinder und Jugendliche queren pulkweise die Salzstraße, um von der ZUM zur Schule zu gelangen. Radfahrer müssen im Mischverkehr zwischen den Autos fahren. Kurzum: die von Autos dominierte Salzstraße ist für Radfahrer, Fußgänger und Anwohner ein unwirtlicher Ort.

Höchste Zeit, dies zu ändern: Im Mobilitätskonzept 2030 hat die Stadt Kempten beschlossen, den Fuß- und Radverkehr zu fördern. Erklärtes Strategisches Ziel ist es, den Anteil an umweltfreundlicher Mobilität zu steigern. Aber die Menschen steigen nur aufs Rad um oder gehen zu Fuß, wenn es sichere, attraktive Routen durch die Stadt gibt, und zwar für alle Altersgruppen. Was in unserer autozentrierten Stadt noch durchsickern muss: Es gibt außer Autofahrern noch mehr Menschen in der Stadt, auch diese haben Anspruch auf den Straßenraum.

Laut dem neuen Radwegnetzplan soll die Salzstraße zukünftig als wichigste Nord-Süd-Achse für den Radverkehr dienen. Doch dafür muss die Straße umgestaltet werden! Gemeinsam wollen wir in diesem Jahr für eine „menschenfreundliche“ Salzstraße mit weniger Autoverkehr kämpfen. Unterstützt vom Verkehrsclub Deutschland (VCD) loten wir aus, wie man die Umgestaltung angehen könnte. In einem ersten VCD-Workshop Anfang Februar stellten Initiativen und Stadtverwaltungen aus anderen Städten ihre gelungenen Projekte vor und gaben Tipps zur Umsetzung. Auch Markus Wiedemann, Leiter des Amts für Tiefbau und Verkehr und Stefan Sommerfeld, Mobilitätsbeauftragter der Stadt, waren bei dem Workshop vertreten. Schließlich wollen wir nichts vorschlagen, was die Verwaltung dann als unrealistisch ablehnt.

Der Stiftsplatz hat Potential

In den nächsten Monaten wollen wir nun Verbesserungsvorschläge für die Salzstraße erarbeiten. Denkbar wären zum Beispiel Tempo 30, Zebrastreifen oder Radfahrstreifen, um Radfahrern und Fußgängern mehr Raum zu geben und mehr Rechte zu verleihen. Des Weiteren kam im Workshop die Idee auf, den Stiftsplatz mit den historischen Gebäuden Kornhaus, Stift und Basilika städtebaulich aufzuwerten. Auch bei der Kreuzung Lindauer- bzw. Beethovenstraße sehen wir Handlungsbedarf.

Vom 20.6. bis 1.8.2022 konnten sich alle Bürger*innen an unserer Umfrage beteiligen. Über 600 Personen haben daran teilgenommen — Fußgänger, Radfahrer und Autofahrer zu gleichen Teilen! Die ersten Ergebnisse präsentierten wir am Park(ing) Day am 16.9. Aus den Kritikpunkten und Wünschen der Bürger*innen werden wir nun Verbesserungsvorschläge ableiten und im Rahmen einer Veranstaltung mit interessanten Vorträgen vorstellen — voraussichtlich im November 2022.

Ich hoffe, dass die Kemptener den Mut aufbringen, althergebrachte Denkmuster zu hinterfragen und Neues zu wagen. Städte wie Kopenhagen, Paris oder Madrid machen vor, wie man Platz für Menschen schafft und die urbane Lebensqualität wesentlich verbessert – was die können, können wir hier in der Metropole des Allgäus doch sicher auch!

Mit dem Rad durch die Salzstraße, das bedeutet Adrenalin pur: Autos, die bei Rot über die Ampel fahren, riskante Überholmanöver, Fußgänger, die auf die Fahrbahn treten … – hier geht’s zum Video “Szenen aus der Salzstraße” (Dauer: ca. eine Minute). Danke an Angela und Mark!

(Gesine Weiß)